ūüá©ūüá™ Es ist geschafft - wer h√§tte das gedacht?

Rede zur Verabschiedung der Absolventen der Elektrotechnik an der Hochschule Darmstadt - 2015 und ein Zwischenfazit meinerseits.


Denken Sie an den Beginn Ihres Studiums.¬†¬† Wie f√ľhlten Sie sich?

  • Erwartungsvoll?
  • √Ąngstlich?
  • Aufgeregt?
  • Unsicher?

Wie reagierten die Menschen in Ihrem Umfeld auf Ihren Entschluss zu studieren?

Ich hatte Angst. Ich wusste nicht was auf mich zukommen w√ľrde und wie ich aus dieser Sache herausgehe. Dass ich einmal hier vor Ihnen stehe, damit habe ich am wenigsten gerechnet.

Im ersten Semester flogen uns die Epsilons, Omegas und Phi‚Äôs nur so um die Ohren und ich dachte mir: Ohje, was habe ich mir da f√ľr ein Fach ausgesucht.
In jedem Fall war es eine Zeit der Umstellung. Nun waren wir auf uns selbst gestellt, wir waren selbst daf√ľr verantwortlich wie wir unseren Arbeitsalltag gestalteten, welche Veranstaltungen wir besuchten,¬† f√ľr welche die Mitschrift eines Kommilitonen gen√ľgte und wann wir welche Pr√ľfung ablegten.

Einige meiner Kommilitonen taten sich schwer, andere leichter mit dieser Herausforderung    aber eines  ist uns allen, die heute hier sitzen, gemein. Wir haben Wege gefunden diese Herausforderungen zu meistern, jede und jeder auf die eigene, ganz persönliche Art und Weise.

Nach den Lehrveranstaltungen folgten die ersten Labore, in denen man allzu oft einfach nur l√§chelnd und nickend dasa√ü und innst√§ndig hoffe das der Gegen√ľber nichts von der eigenen Planlosigkeit mitbekam. Nicht selten fand ich jedoch Trost darin, dass die Versuche auch den Laboringenieuren oder Professoren nicht gelangen.

  • Theorie ist wenn nichts klappt und jeder wei√ü warum.
  • Praxis ist wenn alles klappt und keiner wei√ü warum.
  • In den Laboren vereinen wir Theorie und Praxis: Nichts klappt und keiner wei√ü warum.

Aber auch hier fanden wir L√∂sungen und so standen die ersten Klausuren auf dem Plan. Auch wenn Klausurvorbereitungen meist Durststrecken voller Ersch√∂pfung und Verzicht waren, so denke ich heute gerne daran zur√ľck.
Diese Zeiten haben meine Kommilitonen und mich tief verbunden denn wir haben gemeinsam gekämpft und  gewonnen.
Heute, 6 Jahre später, zählen diese Menschen nach wie vor zu meinen besten und liebsten Freunden.

Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander,     nicht nur im Lernzentrum sondern auch bei Omas Kuchen in diversen Wohnungen, am Badesee und im Park.
Wir verfluchten gemeinsam Fourier, Laplace und wer auch immer sich diese Sache mit der Integration √ľberlegt hat (Leibniz hat wohl etwas damit zu tun).
Wir verzehrten Unmengen an S√ľ√üigkeiten, Fleischk√§sebr√∂tchen und Koffein und wenn wir ehrlich sind‚Ķ¬†¬†¬†¬† wir haben nicht nur gelernt.
Wir feiertenkochten und aßen gemeinsam und an manchen Tagen schauten wir auch einfach nur einen Film.

So wie wir gemeinsam arbeiteten, so ernteten wir gemeinsam die Fr√ľchte unserer Bem√ľhungen und wenn es einer von uns einmal nicht schaffte, so hielten wir zusammen und halfen beim n√§chsten Versuch.

Gerade im Grundstudium praktizierten wir das sog. Bulimielernen.
Hauptsache irgendwie schnellstm√∂glich den Stoff in den Kopf bekommen oder besser gesagt bestm√∂glich der Pr√ľfungssituation anpassen. Nach der Klausur war vor der Klausur und so war das soeben gelernte bald wieder verschwunden. Wir merkten jedoch: Wenn man versucht jemand anderem etwas beizubringen, so bedarf es zum einen fundierter Kenntnisse √ľber den jeweiligen Zusammenhang und zum anderen wird das eigene Wissen gefestigt.
Wir wussten also wie wir dem Vergessen entgegen wirken konnten.

Nach dem Grundstudium √§nderten sich die Inhalte der Vorlesungen und wurden nun fachspezifisch. Ich zweifelte meine Entscheidung f√ľr ein Studium der Elektrotechnik nun weniger an, denn mit Hilfe der Grundlagen aus dem Grundstudium konnte ich nun spannende Zusammenh√§nge verstehen und das Bullemielernen war pass√© .

W√§hrend meine Kommilitonen und ich anfangs recht gleichm√§√üig lernten so entwickelten sich nun unterschiedliche Interessen. Ich entdeckte meine Passion f√ľr Mikrocontroller, welche mich sp√§ter an die Hochschule Darmstadt verschlagen sollte.

Zu Beginn meines Studiums verfluchte ich den Bologna Prozess welcher das Diplom mit den Bachelor und Master Studiengängen abgelöst hatte.

Ich hatte den Eindruck, dass alle Inhalte des Diploms 1 zu 1 in den Bachelor √ľbernommen aber die Studienzeit verk√ľrzt wurde. Ob dies tats√§chlich so war, wage ich heute nicht zu beurteilen. Auch wenn ich heute nach wie vor gerne ein Diplom h√§tte, so er√∂ffnete mir die Trennung von Bachelor und Master die M√∂glichkeit meiner Passion zu folgen.

Ich denke die Wenigsten wissen zu Beginn ihres Bachelor Studiums bereits in welchem Bereich sie einmal arbeiten möchten bzw. wo ihre Talente liegen. Die Trennung von Bachelor und Master schafft hier Möglichkeiten zur Spezialisierung aber auch die Möglichkeit andere Hochschulen kennenzulernen. Die Wahl einer geeigneten Hochschule ist, genau wie die Wahl eines Studienfaches, eine individuelle und persönliche Entscheidung. Während des Bachelors lernt man die Hochschule kennen und kann sich dann im Master ggf. neu orientieren.

Ebenfalls profitierte ich vom ERASMUS Programm welches mir ermöglichte an Kursen im EU Ausland teilzunehmen und auch eben dort meine Bachelorarbeit zu schreiben.

Es ist eine große Bereicherung andere Hochschulen und Länder zu besuchen, zu sehen wie dort gelehrt und gelebt wird. Falls Sie noch nicht im Ausland studiert oder gelebt haben kann ich Ihnen nur raten es zu versuchen. Zwar ist auch dies eine Herausforderung aber wie wir gesehen haben, bedarf es Herausforderungen um  voran zu kommen. In jedem Fall eröffnet sich Ihnen die Möglichkeit auf ein unvergessliches Erlebnis.

Die Semester vergingen, aus Angst wurde Respekt, aus Planlosigkeit Wissen und aus völliger zeitlichen Überforderung wurde gemanagte Überforderung. Kurzum, wir lernten die ingenieurmäßige Herangehensweise zur Lösung von Problemen.

Aus meiner Sicht geht es im Studium weniger darum die Inhalte auswendig zu lernen,  sondern eher darum Methoden zu entwickeln die es ermöglichen neue Sachverhalte schnell und nachhaltig zu verinnerlichen.
Wir haben bereits gesehen dass das Gelernte nicht persistent ist, wir also √ľber die Zeit hinweg vergessen. Das ist normal¬†¬† ¬†aber Sie werden √ľberrascht sein wie schnell sie das Vergessene wieder auffrischen k√∂nnen.
Wenn wir es einmal verstanden haben, dann verstehen wir es auch ein zweites Mal!

Ingenieure sind faul.

Einen Satz den man zwar bereits zu Beginn des Studiums häufig hört aber erst im Laufe der Jahre versteht. Ingenieure sind wahrhaftig faul, denn sie suchen einfache und effektive Methoden um komplexe Probleme zu lösen.
Mehr noch,¬† ¬†im Laufe der Zeit verzahnen sich die Inhalte der besuchten Kurse immer mehr zu einem gro√üen Gesamtbild und f√ľhrten zum einem erweiterten Verst√§ndnis unserer Umwelt. Dieses Verst√§ndnis beschr√§nkt sich nicht nur auf ingenieurtechnische Zusammenh√§nge und so k√∂nnen wir unsere Faulheit auch bald auf andere Themengebiete ausweiten.
Dieses Verständnis ist es, was einen Ingenieur in meinen Augen ausmacht.

Mein Ratschlag‚Ķ lasst uns faul sein! Finden wir einfache L√∂sungen f√ľr komplexe Probleme.¬† Haben wir Respekt, keine Angst. Wir wissen das ernsthafteres, gewissenhaftes und engagiertes Arbeiten genauso wichtig ist wie Phasen der Erholung und der Ruhe.

Nat√ľrlich w√§re all dies nicht m√∂glich gewesen ohne die Unterst√ľtzung sehr vieler Menschen. Dort sind zun√§chst die Professorinnen und Professoren zu erw√§hnen. Da ich meinen Bachelor an einer anderen Hochschule absolvierte, erlaube ich mir einen direkten Vergleich.

Der Anspruch der Professoren der Hochschule Darmstadt ist hoch aber genauso ihre Hilfsbereitschaft und ihr Fachwissen. Ich habe nie vor verschlossenen T√ľren gestanden und hatte ebenso nie das Gef√ľhl nicht ernstgenommen zu werden. Sie unterst√ľtzen mich indem sie mir den Freiraum gaben eigenen Ideen zu verfolgen und dabei beratend zur Seite standen.
Vielen Dank f√ľr Ihre engagierte Arbeit und ihre Geduld.

Ich m√∂chte zudem die Gelegenheit nutzen einen pers√∂nlichen Dank auszusprechen. Ich danke meinem Studiengangsleiter Herrn Professor Fromm f√ľr die ambitionierte Betreuung und das umfangreiche Fachwissen, welches er mir in kurzer Zeit vermittelte.
Ohne Ihn w√§re ich heute nicht dort wo ich stehe. Daf√ľr m√∂chte ich ihm ganz herzlich danken.

Eine Hochschule wird nicht nur von Professoren am Leben erhalten. Mein Dank gilt daher außerdem den Laboringenieuren und Mitgliedern der Verwaltung die uns mit viel Geduld durch das Studium begleiteten.

Auch wenn das Privatleben w√§hrend des Studiums zeitweise in den Hintergrund r√ľckt so haben die Menschen in unserem privaten Umfeld eine gro√üe Teilhabe an unserem Erfolg. Sei es nun durch finanzielle Unterst√ľtzung, Oma‚Äôs Kuchen, die Aufrechterhaltung der Motivation oder Trost in schwierigen Zeiten.
Diesen Menschen schafften die Rahmenbedingungen f√ľr unseren Erfolg und diejenigen von uns die es ohne die Unterst√ľtzung des privaten Umfeldes durch ihr Studium geschafft haben, verdienen unseren besonderen Respekt.

Jetzt ist es wieder soweit, ein neuer Abschnitt steht bevor. Und wieder sind wir:

  • Erwartungsvoll?
  • √Ąngstlich?
  • Aufgeregt?
  • Unsicher?

Sehen wir es als Chance! J√ľngste Forschungen haben gezeigt, dass h√§ufige Ver√§nderungen der Lebenssituation das Gehirn stimulieren und so beispielsweise die Kreativit√§t f√∂rdern.

Danke

Leave a Reply

Thomas

About Thomas Barth

Thomas Barth, born 1986, is a german teaching fellow and Ph.D. student. He studied electrical engineering in Darmstadt, Frankfurt and Helsinki and worked 7 years in industry automation before he switched to embedded systems and microelectronics. To read more about him, click here.